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Presse (eigene Texte)

 

Seit 2009

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2009
 

Nachruf: Hanne Darboven starb im Alter von 67 Jahren in Hamburg

Die Kunst war ihr Konzept

Von Claus Friede

Hamburg - Hanne Darboven war eine der wichtigsten deutschen Künstlerinnen. Am vergangenen Montag starb sie in Hamburg, am 29. April wäre sie 68 Jahre alt geworden.Geboren 1941 in München, wächst sie mit zwei Schwestern in Hamburg auf. Die Hamburger Kaufmannsfamilie Darboven gehört zum großbürgerlichen, weltoffenen Großstadtmilieu und lebt im ländlichen Rönneburg.1962 beginnt sie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg ihr Kunststudium, zunächst bei Wilhelm Grimm, dann bei dem Künstler und Grafiker Almir Mavignier. Sie merkt nach ein paar Jahren, dass sie Hamburg verlassen muss, um sich künstlerisch weiterzuentwickeln. Noch während des Studiums begibt sie sich 1966 für zwei Jahre nach New York, ins damalige Zentrum der zeitgenössischen Kunst, wo die Minimal- und Konzeptkunst entwickelt wurde.Zwar lebt sie die erste Zeit geradezu isoliert im Big Apple, doch kommt sie bald mit den Protagonisten der aktuellen Kunstströmungen in Kontakt. Sie freundet sich mit dem Namensgeber der Conceptual Art, Sol LeWitt, und mit der Kuratorin Lucy Lippard an, trifft die Minimalkünstler Carl Andre und Dan Flavin, begegnet wichtigen Galeristen wie Leo Castelli, mit dem sie später zusammenarbeitet.Malerei, Farbe und jegliche expressive künstlerische Äußerung auf Leinwand sind bei der New Yorker Avantgarde zu jener Zeit verpönt: Kunst ist in dieser Zeit Konzept, Idee, Bedeutung, Text und Anleitung. In diesem Klima entwickelt Hanne Darboven ihre ersten Werke und Systeme einfacher Zahlenabläufe mit äußerst komplexen Variationsfolgen. Hier legt sie den Grundstein für ihr gesamtes weiteres Werk. Das Serielle und Prozesshafte wird ihr zukünftiges Arbeiten bestimmen. In New York beginnt ihre internationale Karriere.Inzwischen gibt es kaum ein großes Museum, das ihre Werke nicht gezeigt hätte. Allein in Norddeutschland: die Hamburger Kunsthalle, die Deichtorhallen und die Kestner-Gesellschaft in Hannover. Viermal war sie auf der Documenta in Kassel vertreten, und sie präsentierte 1982 Deutschland auf der Biennale di Venezia. In Erinnerung bleiben werden auch ihre letzten großen Werkschauen bei der Deutschen Guggenheim und im Hamburger Bahnhof in Berlin. 1985 erhielt sie den Edwin-Scharff-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg, 1994 den Lichtwark-Preis der Stadt Hamburg und im Jahr 1997 wurde sie zum Mitglied der Akademie der Künste in Berlin berufen.Ich lernte Hanne Darboven Mitte der 80er-Jahre kennen, als ich an der Hochschule für bildende Künste studierte - sie war eine große Künstlerin. Ich begleitete eine Freundin, die für ein Kunstmagazin arbeitete und einen Termin mit ihr in Harburg vereinbart hatte. Es sollte um ein Interview über Arno Schmidt gehen, dessen Schreibtechnik Hanne Darboven besonders schätzte. Mit einem Exemplar von "Kühe in Halbtrauer" bewaffnet, standen wir vor der Eingangstür ihres Atelierhauses. Mir klopfte das Herz, und ich hatte nicht die geringste Ahnung, was uns erwarten würde. Etwas spröde sei sie, hatte mir mein Professor an der Hochschule gesagt. Ich erlebte sie ganz anders, interessiert und warmherzig gegenüber einem jungen Kunststudenten wie mir. Ging es anfangs noch um Arno Schmidt, waren wir schnell bei anderen Themen, sprachen über Rainer Werner Fassbinder, Bismarck, über die Wahrnehmung von Zeit, über tagebuchartiges Arbeiten, Fleißarbeit und die Petersburger Hängung. Sie zeigte uns ihre akribische und geduldige Arbeitstechnik. Ihr Arbeitstisch war so ästhetisch sortiert wie ihr Werk, alles hatte seinen Platz: Papierstapel, Arbeitsmappen, gerahmte Fotos, ein großer schwarzer Aschenbecher, Schreibwerkzeug. Hanne Darboven nahm sich viel Zeit für uns - und dabei viele Zigaretten aus der Schachtel. Die Räume waren fast vollständig zugehängt und zugestellt, Bilderrahmen über Bilderrahmen, Utensilien, teilweise nur schmale Gänge zwischen Tischen, Kommoden, Vitrinen, randvoll mit allerlei Sammelobjekten. Zu jedem Stück gab es eine und ihre Geschichte. Sie stellte Beziehungen und Bezüge her. Sie zeigte uns Arbeitszyklen, öffnete Schubladen mit Blättern aus ihrer New Yorker Zeit. Zahlenkolonnen, Rechenergebnisse auf kariertem Papier. Sie öffnete eine Schachtel und Verpackung nach der anderen, bis es dunkel geworden war. Aus einem kurzen Interviewtermin wurde eine Exkursion in die künstlerische Welt der Hanne Darboven.Wir trafen uns danach immer wieder, etwa ein Jahr später, als sie die Ausstellung "Theatre 1985" in der Hamburger Galerie Ascan Crone vorbereitete. Tagelang war ich damit beschäftigt, die zig Bilderrahmen, die ihre Zahlenadditionen, tagebuchähnlichen Schreibwerke und Einträge hielten, präzise ohne Zwischenräume an die Wand zu bringen. Und danach trafen wir uns regelmäßig anlässlich ihrer Ausstellungen.Von ihrem Werk kann, muss man beeindruckt sein! Ich war seit dem ersten Zusammentreffen von ihrer Klarheit, Überlegtheit und ihrem Wissen so hingerissen, dass dieser Atelierbesuch zu den nachhaltigsten gehört, die ich jemals erleben durfte. Seither habe ich Hanne Darboven und die Eindrücke in ihrem Haus bildlich vor meinen Augen. Bei ihr verschmolzen menschliches Wesen und künstlerische Arbeitsweise zu einer kreativen, einzigartigen Einheit. Die Ergebnisse ihres vielseitigen und komplexen Werks und Wirkens, das von einem musikalischen Interesse über die Hinwendung zu Literatur und Theater bis hin zur Fotografie reichte, werden uns erhalten bleiben.

Der Autor Claus Friede lebt als Kulturmanager, Moderator und Veranstalter in Hamburg.

erschienen am 14. März 2009


Wim Bosch - Fruchtbare Augenblicke

Von Claus Friede

Der niederländische Künstler Wim Bosch ist Maler. Obwohl nicht ein einziges Bild in der Ausstellung nach Malerei aussieht, sondern alles durchweg aus digital bearbeiteter, collagierter Fotografie besteht, ist die Erwähnung, dass er Maler ist, insofern wichtig, weil sich dies aus der konsequenten Arbeitsweise erschließt: Er beginnt mit der leeren, weißen Fläche und komponiert seine einzelnen fotografischen Fragmente Stück für Stück zu einem Ganzen. Bosch arbeitet überdies seit 20 Jahren an seinem Themenkanon: Interieur, Innen und Außen sowie privat und öffentlich. Waren seine Malereien in den 1990er Jahren aus Acryl, Öl und Fotofragmenten auf Leinwand und Sperrholz und in einer Art fotorealistischer Manier gemalt, so ist es nur schlüssig, dass er sich seit 2001 dem Medium der Fotografie ganz und ausschließlich stellt und alle Facetten der digitalen Eingriffsmöglichkeiten im Bild nutzt.

Die Bilderwelten von Bosch entpuppen sich als komplexe, vielschichtige und filmisch anmutende Werke, die Zeit zum Betrachten benötigen. Die Schichten, Ebenen, Reflexionen und Spiegelungen innerhalb des Bildraumes erzeugen Geschichten. Einem Filmstill gleich, ist nur scheinbar ein kurzer Moment eines sich fortlaufend bewegenden Zeitgefüges sichtbar. Jedoch schafft es der Künstler, und hier liegt die Brisanz, seinen Bildern etwas zu geben, was Gotthold Ephraim Lessing den „prägnanten Moment oder fruchtbaren Augenblick“ nannte. Dieser impliziert keinen abgeschlossenen oder beendeten Vorgang, der alles aus sich heraus klärt und solitär aus der Welt herausgehoben werden darf. Die Bildelemente tragen vielmehr immer sowohl ihr eigenes Vorher als auch ihr Nachher in sich und verschließen sich nicht unseren eigenen imaginären Zeitachsen. Durch die Bildsemantik wird der Betrachter zum Weiterspinnen der Bildgeschichte veranlasst, nicht aber durch Mit- und Nachvollzug des tatsächlich Geschehenen, sondern durch die produktive Beteiligung der eigenen Einbildungskraft. Somit geben die Arbeiten zu bedenken, dass die vermeintliche Ruhe gleich vorbei sein wird - der Ort, der Raum und die Situation sich gleich wieder verändert haben werden. Es ist nicht die Ruhe allein, die den Betrachter anzieht, es ist auch der Verweis darauf, dass sich die Gegebenheiten in einem völlig anderen Aggregatzustand schon befunden haben oder gleich befinden können. Die Fotowerke sind Inszenierungen, die den Betrachter nicht nur zum Beobachter, sondern gleichzeitig auch zum Entdecker werden lassen. 

Immer taucht die Motivik eines etwas spießigen, bürgerlichen Umfelds auf, Szenen innerhalb von Wohnungen oder Blicke aus Fenstern, durch Scheiben auf Garten- oder Architekturfragmente. Dabei spielen in den neuesten Arbeiten Fensterrahmen eine entscheidende Rolle: Sie sind so etwas wie die architektonische und kompositorische Struktur, aber gleichzeitig auch Täuschung, denn der Künstler stellt uns spielerisch die Frage: Was ist innen und was ist außen? Und wir können es nicht immer beantworten.

Zimmer-, Vorgartenpflanzen und Ranken, Tapeten mit floralen Mustern, die Reflexion einer Glühbirne, von Möbeln, eines alten Fernsehers oder einer Stehlampe sind Bestandteile seines Repertoires. Auch finden wir Personen in Momenten des Privat-Seins oder in Interaktionen, vermeintlich geschützt und unbeobachtet im Inneren der eigenen Wohnung. Wir können aber die Vorgänge nicht lesen und entschlüsseln, wir müssen sie uns erdenken.
Wim Bosch definiert seine Inhalte wie auch die Fotografie selbst als offen, fächert Perspektiven auf und erweitert dadurch immer wieder die Spielräume des Betrachters
.



2008
 

Der Himmel der Kostbarkeiten

 

Schätze aus dem Nationalen Palastmuseum, Taiwan

Von Claus Friede W I E N, Februar 2008

Lange hat es gedauert, um eine solche Ausstellung auf die Beine zu stellen: vier Jahre, und dafür gibt es vielerlei Gründe. Dass eine Kunstausstellung mit den wertvollsten und bedeutendsten Schätzen chinesischer Kunst aus Taiwan in Wien gezeigt wird, ist per se neben einer kulturhistorisch brisanten Ausstellung, auch eine politisch heikle Angelegenheit. Der Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums in Wien, Wilfried Seipel, war von Anfang der Planungen an bemüht, mit diplomatischem Geschick und in vielen Gesprächen die Volksrepublik China in irgendeiner Form mit einzubinden. Das misslang. Im Gegenteil, mit großer Beharrlichkeit versuchten im Vorfeld der Ausstellung die Vertreter aus Beijing durchzusetzen, die Begriffe „national“ und „Taiwan“ auf keinem Druckerzeugnis auftauchen zu lassen.

 

So sprach Seipel auch immer nur vom „Palastmuseum in Taipeh“ und vermied den Eindruck, es handle sich um eine taiwanische Ausstellung, als vielmehr um eine zur chinesischen Kultur, und er verwies immer wieder auf die guten Beziehungen zu China.

 

Auch die Direktorin des Palastmuseums Lin Mun-lee und die dortige Kuratorenschaft fokussieren eher das gemeinsame Kulturerbe und die globale Bedeutung als die politisch verzwickten Hintergründe. Die Kollegen aus Taiwan sind nicht zu beneiden, denn wie Sisyphus wälzen sie den Felsen ihrer Geschichte den Hang hinauf, der ihnen immer wieder durch die vom Festland eingeforderte „Ein-China-Politik“ entgleitet.

Nur wenige Länder garantieren die „Unter-Schutz-Stellung“ der Kunstwerke, um zu verhindern, dass die Volksrepublik China über den juristischen Weg und Beschlagnahme Zugriff auf die Kulturgüter erhält. Deutschland und Österreich geben diese Zusicherung. Anders hätte sich das Palastmuseum auch keinem Land und keinem Museum anvertraut. Und die Bestände des Palastmuseums gelten zu Recht weltweit als umfangreichste und kostbarste Sammlung chinesischer Kunst.

 

Wichtige Teile dieser Kunstschätze hatte die nationalistische Regierung der Kuomintang unter Tschiang Kai-schek zunächst in den Kriegsjahren zwischen 1936 und 1945 aus Beijing vor den Japanern zu schützen versucht. 20.000 Kisten wurden gepackt und einer Odyssee gleich in jener Zeit durch das Land gebracht. Die bedeutsamsten und wertvollsten Stücke ließ Tschiang Kai-schek dann kurz vor der Niederlage gegen die kommunistischen Truppen der „Volksbefreiungsarmee“ in 3.000 Kisten verpacken und auf die Insel Taiwan verbringen. Er selbst folgte mit seinen Anhängern später nach. Seit den 1960er-Jahren sind die Exponate im Palastmuseum in Taipeh öffentlich zu sehen.

 

Der Generaldirektor und die Kuratorin der Ausstellung, Renate Noda, haben in Taipeh 116 Objekte, Malereien, Kalligraphie- und Buchdokumente ausgesucht und in zwei großen Räumen des Kunsthistorischen Museums in Wien zugänglich gemacht. Ihr Verdienst ist es, dass sie eine vielseitige Ausstellung zusammengestellt haben, die weder unüberschaubar also zu groß ist, noch qualitative Kompromisse eingehen musste. Vielmehr haben die Ausstellungsmacher mit, gemessen am Thema, wenigen Objekten eine exemplarische Übersicht geschaffen. Ihr gelungenes Credo entwickelt die Präsentation über zwei Kriterien. Grundlage der Auswahl ist einerseits explizit die europäische Sichtweise auf chinesische Kunst, ohne Klischees und chinoise Künstlichkeiten zu bedienen. Und andererseits definiert sich die Ausstellung über das facettenreiche Material. Jade, Bronze, Keramik und Porzellan, aber auch geschnitzter Bambus und Elfenbein bilden die Materialität der Stücke. Daneben Tuschwerke auf Papier chinesischer Kalligraphiemeister und Maler.

 

Der „Anhänger in Gestalt eines Vogels“ ist das älteste Objekt der Schau und entstand vor etwa 6.000 Jahren als reine rituelle und stilisierte Jadefigur. Der "Krug mit röhrenförmigen Henkeln“ aus der südlichen Song-Dynastie (1127-1279) gehört zu den Seladonen, wie man das grünfarbene chinesische Steinzeug nennt. Die brüchige Craquelé-Struktur verziert die undekorierte Oberfläche des Krugs und symbolisiert regelrecht die vorher erwähnten problematischen Beziehungen: Oberflächenspannungen erzeugen beim Abkühlen eben Risse, die nicht immer so ästhetisch daherkommen wie dieses Gefäß.

 

Schon in früheren Jahrhunderten waren chinesische Künstler Meister im Kopieren. Eine über 11 Meter lange Bildrolle mit dem Titel "Beim Gräberfest den Fluss entlang" zeigt die heutige Stadt Kaifeng im Stile der Genremalerei des 18. Jahrhunderts. Die berühmteste Darstellung dieses Themas hängt im Palastmuseum in Beijing. Unter den zahlreichen Kopien gilt die in Wien gezeigte als die beliebteste.

 

Bei den Buchdokumenten findet sich eine dreibändige handschriftliche Anthologie "Gedichte des Qing-Kaisers Qianlong" der Qing-Dynastie (1737-1795). Sein Leben lang war Kaiser Qianlong ein begeisterter und eifriger Kalligraph und Gedichteschreiber. Er liebte es, mit Pinsel und Tusche zu arbeiten, und hinterließ fast 42.000 Werke. Welcher Künstler kann von sich schon behaupten, er sei Kaiser von China? Und welcher heutige Staatsmann, er sei Künstler!

Die Ausstellung SCHÄTZE AUS DEM NATIONALEN PALASTMUSEUM, TAIWAN ist noch bis zum 13.5.2008 im Kunsthistorischen Museum in Wien zu sehen. Der Katalog kostet 49,90 € und kann über den Online-Shop des Museums bezogen werden.


2007

documenta 12 Die Weltausstellung der zeitgenössischen Kunst:
Erfolgreich und umstritten

Alles nur postmoderne Langeweile?
Drei bissige Momentaufnahmen während eines
Rundgangs über die documenta.

Von Claus Friede

Kunstwerk mit kurzer Halbwertzeit: Das Mohnblumenfeld der kroatischen Künstlerin Sanja Ivekovic vor dem Fridericianum ist längst verblüht.

Kunstwerk mit kurzer Halbwertzeit: Das Mohnblumenfeld der kroatischen Künstlerin
Sanja Ivekovic vor dem Fridericianum ist längst verblüht. Foto: rtr


K A S S E L -
Nebenschauplätze: "No flash, bitte!

Alles fing bei der Tanzperformance in der Arbeit der "Trisha Brown Dance Company" im Fridericianum an. Musik spielt vom Band, die Bewegungen der Tänzer sind ruhig, kalkulierbar, kontemplativ, fast schwerelos. Nach ein paar Sekunden begreife ich, dass parallel im selben Raum eine weitere Performance, eine regelrechte Gegen-Performance läuft: die des Aufsichtspersonals. Im documenta-Katalog nicht zu finden, habe ich mir selbst einen Titel für diese zweite Darbietung ausgedacht: "No flash, bitte!" Mit einer Art weißer Küchenschürze und den darauf gehauchten Worten "Aufsicht - Guard" tänzelt sie quer durch die eigentlichen Performer auf einen asiatischen Besucher zu und ruft aus drei Meter Entfernung: "No video, please!" Keiner der Tanzenden lässt sich davon stören, und schon ist sie, die Aufsichtsperson, beim nächsten potenziellen Fotografierer oder Filmer. Die Trisha-Brown-Tänzer sind längst aus dem Fokus der Besucher verschwunden, weil die Zweit-Performance spannend weitergeht. Sie wendet sich quer durch den Raum einer Frau zu, die ihre Kamera hochhält. Es blitzt. "No flash, bitte!", ruft es verärgert. Jede Linse wird aufgespürt, "Aufsicht - Guard" schlängelt sich schnellen und sicheren Schrittes quer durch den Raum und schafft es in 20 Minuten fünfmal "Kein Video" zu sagen, achtmal "Kein Blitz" und 16-mal Handzeichen zu geben und zu nicken, wenn potenzielle Verbotsüberschreiter einsichtig sind. Wird das Trisha Brown gerecht?, frage ich mich - und: Ob sie davon weiß? Bei meinen weiteren Stationen in der documenta-Halle, im Aue-Pavillon und in der Neuen Galerie merke ich erst, dass es sich um eine Großperformance, um ein Gesamtkunstwerk des Aufsichtspersonals handelt. Es muss speziell trainiert sein. So wird ein älterer Herr in der documenta-Halle von einer jungen Küchenschürzenträgerin gefragt: "Sie wissen, dass diese Gehstöcke in der Ausstellung nicht gestattet sind?" Er hat aber Glück und darf nach seinem Protest seinen gebrechlichen Körper weiterhin auf die Krücken stützen. Schnell wird man selbst in die Performance einbezogen, ob man will oder nicht - auch wenn man wegen der Kunst und nicht der Gegen-Performance dort ist. Hat man das Jackett wegen der hohen Temperaturen über den Arm gehängt, wird man am Eingang zum Aue-Pavillon aufgefordert, es anzuziehen, und das in einem Ton, der klingt wie: "Hinten anstellen!" Ein paar Meter weiter liegen Kopfhörer auf einer Glasplatte, die darauf warten, benutzt zu werden. Nicht jedem gelingt es, die Kopfhörer aufzunehmen, ohne die Glasplatte zu berühren. Dann heißt es: "Glasplatte bitte nicht berühren." Das war freundlich, wenn da nicht ein zweiter Satz gefolgt wäre: "Fassen Sie im Louvre auch die Kunstwerke an?"

Mein Schuh ist offen, und ich bücke mich. Keine drei Sekunden später steht eine Aufsicht neben mir. Ich schaue hoch, er schaut auf mich herunter und fragt, was ich da mache. "Schuhe zubinden - auch verboten?"

Die documenta konzentriert in einem Kunstwerk

Lin Yilin heißt ein chinesischer Künstler, der aus Guangzhou stammt und seit 2001 in New York lebt. Seine auf der documenta gezeigte Videoarbeit stammt aus dem Jahr 1995 und trägt den Titel: "Safely Manoevering Across Lin-He-Road" oder zu Deutsch: "Wie komme ich sicher von einer Seite der Lin-He-Straße auf die andere?" Viel präziser aber wäre die Frage: Wie schafft es der Künstler, 48 riesige und schwere Ziegelsteine ohne Hilfsmittel wie Schubkarre oder ein Heer von Helfern von einer Seite der Straße auf die andere zu einer riesigen Baustelle zu bringen - quer durch den fließenden Verkehr!? Er türmt jeweils zwölf Steine in einer Viererreihe als Mauer übereinander und fängt am einen Ende an, diese abzutragen, um sie auf der anderen Seite der losen Mauer wieder aufzutürmen. So wandert die Mauer einmal in knapp 50 Minuten quer über den Zebrastreifen. Dass das nicht so einfach zu machen ist, liegt an mehreren Faktoren: Zunächst ist da der laufende Verkehr - Busse, Radfahrer, Autos und Fußgänger, die dem Hindernis ausweichen müssen. Klar, dass das nicht ohne Hupen und aus den Fenstern gerufenen Kommentaren abgeht. Die Fahrer zeigen sich letztlich recht tolerant, denn eine Berührung der Mauer durch das Fahrzeug kann ungeahnte Folgen mit sich bringen, insbesondere Kratzer im Lack. Dem Betrachter wird schnell klar: Nicht die Mauer ist in Gefahr, umgefahren zu werden. Um den Künstler muss man sich weitaus mehr Sorgen machen. So langsam zieht sich eine dünne Materialspur über den Übergang, und dann passiert es doch, ein Mauersegment fällt um, ein Stein zerbricht. Verlust ist einkalkuliert, denn der Künstler nähert sich dem Bordstein, und der ist bekanntlich höher als das Straßenniveau - da fällt es gar nicht auf, dass ein Stein zu Bruch ging, denn die Mauerhöhe bleibt gewahrt. Ein weiterer Faktor sind die Arbeiter der Großbaustelle gegenüber. Sie schauen ab und zu vorbei, lachend, neugierig, respektvoll am Ende. Aber keiner kommt auf die Idee, dem Künstler zu helfen, niemand ist flexibel, mitfühlend oder -denkend. Während Lin seine Mauer über die Straße geschafft hat, haben die Arbeiter den Hochhäusern im Hintergrund ein neues Stockwerk hinzugefügt.

Eine wirklich hervorragende Arbeit. Sie ist auch deswegen gut, weil sie im Grunde diese documenta 12 symbolisch präsentiert: Ungeachtet der starken Gedankenströme baut Roger M. Buergel seine Kunstmauer quer über die Kasseler Kunstorte. Bloß kommt er im Gegensatz zum chinesischen Künstler nicht an.

Die Innovation ist nur eine Illusion

Die documenta 12 wird wohl nicht in die Annalen eingehen. Sie schafft es nicht, sich zu verorten und richtungsbezogen etwas begrifflich zu begründen, das den Besucher in die Zukunft entlässt. Vielmehr argumentiert die Ausstellung postmodern. Die überwiegende Mehrheit der künstlerischen Werke sind von der Entstehung und der Auffassung her, Arbeiten der 1970er- und 80er-Jahre. Die documenta 12 gibt sich modern, wobei alles Moderne bereits kunstgeschichtlich alt ist. Die Innovation wird zur Illusion. Wenig, an dem sich der Betrachter wirklich entlangentwickeln könnte. Von jedem einzelnen Kunstwerk muss man sich bei seinem Rundgang regelrecht verabschieden, um ein neues Werk zu sehen, weil keine benennbaren Bezüge gezeigt werden. Alles steht scheinbar unbelastet nebeneinander, die Werke laufen fast ausnahmslos parallel und unabhängig voneinander - das macht es für den Besucher schwer und unnötig anstrengend. Die wenigen herausragenden Arbeiten können sich zwar gegen die kulturelle Beliebigkeit absetzen, aber letztendlich fehlen auch ihnen die Bezugspunkte. Buergel und seine Crew schaffen es nicht, die Verbindungslinien der Kulturen und der globalen Fragestellungen tatsächlich herzustellen und sie dort, wo es notwendig ist, miteinander zu verknüpfen.

Für die nächsten documenta-Macher wäre wohl die Diskussion um die "Transmoderne" angebracht: Zusammenfassung und Zurückhaltung statt Orientierungslosigkeit in der Vielfalt.

* Unser Gastautor Claus Friede betreibt in Hamburg die Kunstagentur "claus friede contemporary art" und moderiert jede Woche das Kulturmagazin "Lampenfieber" im Hamburg-1-Fernsehen.

erschienen am 29. August 2007